Über die Insel Thule ranken sich viele Mythen: Sie soll im 4. Jahrhundert vor Christus entdeckt worden sein, später wurde sie mit den Nationalsozialisten in Verbindung gebracht. Auch in Goethes Ballade „König von Thule“ oder in den Comics von Hal Foster über den Prinzen Eisenherz findet die Insel Erwähnung. Doch was steckt wirklich hinter der geheimnisvollen Insel?

Thule – Ursprung und Geschichte

Der Entdecker Pytheas aus Massilia soll die Insel das erste Mal beschrieben haben. Pytheas war ein griechischer Geograph, Seefahrer und Händler. Um das Jahr 325 v. Chr. bereiste der Seefahrer Nordwesteuropa und die iberische Halbinsel. Er beschrieb den Standort der Insel im äußersten Norden, sechs Tagesfahrten nördlich von Britannien entfernt.

Pytheas Werk „Über das Weltmeer“ ist eine problematische Quelle für Historiker: Es lassen sich nur noch einige Zitate in den Werken anderer Autoren, wie Plinius dem Älteren, Strabon oder Eratosthenes, finden. Wenn es um die genauen Entfernungsangaben geht, werfen sich die unterschiedlichen Autoren Fehler vor. Einmal erwähnt Pytheas, dass das „geronnene Meer“ eine Tagesfahrt von der Insel Thule entfernt beginnt. Mit dem „geronnenen Meer“ ist das Eismeer gemeint, weshalb vermutet wird, dass es sich eigentlich um Island, die Lofoten oder die Färöer-Inseln handelt.

Der Fachbereich Geodäsie und Geoinformationstechnik der TU Berlin versuchte Ptolemäus Kartenwerk zu untersuchen, um die eigentliche geographische Lage von Thule herauszufinden. Ptolemäus verwendete für seine Bestimmungen der geographischen Breite eine ungenaue Methode und ignorierte die genauere Messung von Pytheas. Infolge einer Korrektur des Messfehlers kamen die Forscher zu dem Entschluss, dass es sich bei Thule wahrscheinlich um die norwegische Insel Smola handelt, die vor Trondheim liegt. Vermutlich bereiste Pytheas als erster Grieche die Insel.

Mythische Bedeutung Thules

Schon in römischer Zeit und im Mittelalter enthielt Thule eine mythische Bedeutung. Seitdem grenzte sie von der Bedeutung her eher an mythische Städte wie Atlantis, Camelot oder Avalon und nicht als rein geographischer Standpunkt. Thule wird in vielen fiktiven Geschichten als Ort erwähnt, wie in Goethes „Faust“ oder dem Lied „Der König in Thule“. Auch in den Comics, in denen es um den Prinzen Eisenherz geht, wird die Insel erwähnt, Prinz Eisenherz soll der Sohn des Königs von Thule sein.

Die Thule-Gesellschaft und der Nationalsozialismus

Gegen Ende des Ersten Weltkrieges im August 1918 wurde die Thule-Gesellschaft in München von Rudolf Sebottendorf gegründet. Die Thule-Gesellschaft war eine Art politischer Geheimbund, der während seiner erfolgreichsten Phase um 1918 und 1919 insgesamt rund 1.500 Mitglieder umfasste. Nach 1919 verlor der Verbund schnell an Bedeutung und löste sich anschließend im Jahre 1925 auf.

Die Ausrichtung der Organisation war völkisch-antisemitisch. Im Jahr 1918 fand die Novemberrevolution statt, die von der Thule-Gesellschaft bekämpft wurde. Auch den Freien Volksstaat, von Kurt Eisner ausgerufen, bekämpften sie, genauso wie die darauffolgende Münchner Räterepublik. Diese sah die Thule-Gesellschaft als Folge einer sogenannten „jüdischen Weltverschwörung“.

In erster Linie konzentrierte sich die Thule-Gesellschaft auf antisemitische Propagandatätigkeit. Für die Propaganda wurde der „Münchner Beobachter“ benutzt, der im Jahre 1929 von der NSDAP übernommen wurde und umbenannt wurde in „Völkischer Beobachter“. Wie im späteren Nationalsozialismus wurden Juden als „Todfeinde des deutschen Volkes“ bezeichnet. Die teils chaotischen und unruhigen Zustände der Rätezeit wurden als angeblicher Beweis der „jüdischen Weltverschwörung“ angesehen. Ziel der Gesellschaft war es, diese zu bekämpfen, sämtliche Juden zu vertreiben und eine Diktatur zu errichten.

Nach der Ausrufung des „Freien Volksstaates Bayern“ am 8. November 1918 durch Kurt Eisner, wurde der „Kampfbund Thule“ als militärischer Arm der Gesellschaft gegründet. Der Kampfbund beteiligte sich im Dezember 1918 an den Vorbereitungen eines Staatsstreichs mit dem Versuch, Ministerpräsident Eisner zu entführen. Indirekt war die Thule-Gesellschaft auch an der Ermordung Eisners am 21. Februar 1919 beteiligt: Der Mörder Anton Grad von Arco auf Valley war zuvor ein Mitglied der Thule-Gesellschaft gewesen. Allerdings wurde er wegen seiner jüdischen Mutter aus der Gesellschaft ausgeschlossen und wollte durch den Mord seine nationale Gesinnung beweisen.

 

Bildquelle: Public domain, via Wikimedia Commons. Das Bild zeigt die Insel “Thule” als “Tile” in der Carta Marina aus dem Jahre 1539. Erstellt von Olaus Magnus (1490-1557).

Autor
Noch keine Kommentare
Kommentieren Abbrechen
Comments to: Zwischen Mythos und Nationalsozialismus: Was ist Thule?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Attach images - Only PNG, JPG, JPEG and GIF are supported.

Einloggen

Willkommen auf neongrau!

Du bekommst nun eine kleine Einführung
Beitreten