What’s the craic in Galway? Ein Auslandssemester in Irland

Soviel ist sicher: Das war ein erfahrungsreiches Semester. Wer sich dazu entschließen sollte, ein Auslandssemester an der NUIG in Galway zu absolvieren, macht ohne Zweifel keinen Fehler. Das wird auch der Tenor dieses Erfahrungsberichts sein, der zunächst auf die Vorbereitung im Universitätskontext eingeht und dann versucht, das Erzählenswerte von Galway, der NUIG und Irland insgesamt in Worte zu fassen.  Hauptsächlich dreht sich dieser Bericht um die Problematiken, auf die andere deutsche Studenten treffen könnten. Aber auch für gewöhnliche Galway-Besucher eignet sich dieser Text, der auch auf Land und Kultur eingeht.

Die an der Westküste Irlands gelegen Stadt, soviel sei vorausgeschickt, hat einen unvergleichbaren Charme und beherbergt wohl eines der nettesten Völkchen, die ich bisher treffen durfte. Gleich nach meiner Ankunft etwa stand ich etwas orientierungslos in der Gegend herum, um mein Hostel zu finden. Binnen einer Minute sprach mich ein älterer Ire an und fragte mit entsprechendem Akzent, wie er mir denn helfen könnte. In einem anderen Bericht hatte ich schon über die außerordentliche Freundlichkeit gelesen und dass die Iren sich gerne entschuldigen. Diese Erfahrung wird jeder deutsche Student dort machen: Die Iren entschuldigen sich wirklich für alles – das kann ich bestätigen. “Ja, diese Menschen hier sind tatsächlich nett”, dachte ich mir also unmittelbar nach meiner Ankunft in Galway. Dieser Gedanke zog sich wie ein roter Faden durch den dreieinhalbmonatigen Aufenthalt. Aber der Reihe nach.

Angenehmer, aber nicht zu unterschätzender Vorbereitungsprozess

Mir war es vergönnt, als einer von zwei Studenten der Universität Kassel in Galway studieren zu dürfen. Die meisten Aspekte der Bewerbung sind eigentlich selbsterklärend, und dadurch dass Irland Teil der Europäischen Union ist, braucht man sich auch nicht mit der Beantragung eines Visums oder Währungsumtausch herumzuquälen. Trotzdem sollte man sich um alles Bürokratische frühzeitig kümmern. Zum Beispiel das Learning Agreement kann Verwirrungen stiften und sollte nicht zu lange aufgeschoben bleiben. Dieses ändert sich jedoch in den meisten Fällen während des Aufenthalts nochmal. Ich habe am Ende nicht eines der Seminare belegt, die ich im ersten Learning Agreement ausgesucht habe. Manche haben sich überschnitten, andere wurden gar nicht erst angeboten. Enttäuscht muss man nicht sein, wenn es mit den gewünschten Seminaren nicht klappt. Die Auswahl ist trotzdem wirklich groß. Recht früh nach Abgeben des Motivationsschreiben und der entsprechenden Unterlagen erhielt ich dann auch schon die Zusage, an der NUIG studieren zu dürfen. Als Anglistik-Student hatte ich keine sprachlichen Vorbereitungen (Sprachkurse) machen müssen. Wobei zu sagen ist, dass die irische Art zu reden die ein oder anderen Tücken bereithält.

Unterkunft – vom engen Hostel zu einem guten Freund

Die Zimmersuche gestaltete sich erwartet schwierig. Das war mir durch meine Recherchen im Vorfeld bekannt. Zumal auch einige Betrüger darauf warten, unvorsichtige Studenten abzuzocken. Auf Facebook gibt es eine hilfreiche Gruppe, die sich “Galway House Hunting For Sound People” nennt. An den vielen Beiträgen und Kommentaren ist zu erkennen, was für ein Druck auf dem Wohnungsmarkt herrscht. Aus privaten Gründe konnte ich erst drei Tage vor Beginn des Semesters nach Galway reisen und hatte große Probleme, noch etwas zu finden.. Deshalb musste ich die ersten Tage in einem Hostel mit sechs anderen Personen in einem Zimmer verharren. Kann ich überhaupt nicht empfehlen! Die Lehre daraus: Hat man in Deutschland noch keine feste Bleibe für den Auslandsaufenthalt gefunden und die Zeit übrig, sollte man deutlich früher anreisen.

Die Wohnungsknappheit ist besonders in Galway ein großes Problem und vor Ort übrigens auch ein ewiges Politikum. Durch Glück bin ich auf einen Flyer an der Universität gestoßen, der ein Zimmer, etwa 15 Minuten mit dem Rad von der Innenstadt entfernt, inserierte. Das Fahrrad habe ich bei einem örtlichen Laden für knapp 100 Euro gekauft und später wieder verkauft. Die Miete war mit knapp 360 Euro im Monat für ein kleines, aber schickes Zimmer in einem schönen Haus verhältnismäßig günstig. Andere Studenten, die ich traf, mussten wesentlich mehr zahlen. Den Vermieter zähle ich nicht nur deswegen mittlerweile zu meinen Freunden.

Seminare, Vorlesungen und leidenschaftliche Dozenten

Überrascht war ich von dem guten Seminar- und Vorlesungsangebot. Alle von mir besuchten Vorlesungen waren mit einem Tutorium verknüpft. Das ist aber nicht generell der Fall, sondern nur im History-Department. Besonders fasziniert war ich von einem Dozenten, der unglaublich kompetent über Kriegsstrategien der irischen Rebellen und britischen Imperialisten philosophierte und immer versuchte, seinen Studenten die Intentionen hinter den Strategien klarzumachen und versuchte, sie in Diskussionen einzubinden. Er war anscheinend auch eine wirkliche Koryphäe auf dem Gebiet, was man an seiner Leidenschaft für das Themengebiet deutlich merkte.

Zum Teil verlangten die Dozenten in den Tutorials sehr viel ab, dafür war die Bewertung der Essays und Klausuren sehr human. So musste ich beispielsweise über die Taten des englischen Feldherren Oliver Cromwell schreiben, der für seine Schandtaten gegen die katholischen Iren bekannt ist. Ich musste dabei philosophisch erklären, ob Cromwell ein böser oder guter Mensch war und ob Historiker überhaupt ein solches Urteil fällen dürfen. Zur Recherche standen uns jede Menge einschlägige Bücher in der Bibliothek bereit. Zusätzlich habe ich einige Iren gefragt, was sie über Cromwell denken und überraschende Erkenntnisse gewonnen. Man musste sich schon bemühen, aber die Zeit bis zur Abgabe reichte vollkommen aus. Und selbst wenn nicht, gaben die Dozenten den Studenten die Gelegenheit, die Arbeit später abzugeben. (die einzige Einschränkung: mit jedem verstrichenen zusätzlichen Tag werden 2% von der Note abgezogen)

Von Pubs, Soccer und der Sinnlosigkeit eines Regenschirms

Die Pubs sind natürlich so etwas wie das Herzstück Galways. Abends treffen sich dort oft einige Menschen spontan zum Musikmachen (meist traditionelle irische Musik). Alkohol hat – das Klischee ist auf jeden Fall wahr – einen hohen Stellenwert in Irland. Teilweise trinken die Studenten montagmittags bereits ihr erstes Guinness. Darüber hinaus gibt es aber viel mehr zu erleben und zu entdecken. Die Uni veranstaltet regelmäßig Exkursionen, damit die Studenten auch etwas von anderen Teilen Irlands sehen. Die Aktivitäten hängen auch sicherlich vom Wetter ab. Doch in Irland braucht man keine Wetterapps und man hat die Gewissheit, dass es immer regnet. Ungelogen bin ich jeden Tag nass geworden. Bei dem starken Wind lohnt sich der Gebrauch eines Regenschirm nicht. Die, die einen genutzt haben, wurden eines Besseren belehrt. Ein Regenjacke ist aber selbstverständlich sinnvoll und absolute Pflicht.

Direkt an der Uni befindet sich ein recht großes Sportzentrum mit Schwimmbad, Sauna und Fitnessbereich. Die Kosten hierfür waren jedoch schon recht hoch, aber noch einigermaßen hinnehmbar. Das Mensa-Essen ist auch im Vergleich zu Kassel eher teuer. Ein Gericht bekommt ihr oft nicht für unter sechs Euro. Außerdem gibt es viele sogenannte Societies. Von Backen über Tanzen bis hin zu Harry Potter ist eigentlich alles vertreten. Als leidenschaftlicher Sportler wollte ich erst etwas mit Fußball an der Uni machen. Habe aber letztlich vorgezogen, auch außerhalb der Uni die Menschen kennenzulernen und schloss mich einem lokalen Fußballverein an, der nur wenige Meter von der Innenstadt entfernt war. Das Klima auf dem Feld, besonders im Wettbewerbsmodus, war deutlich rauer als in Deutschland. Als eher ruhig beseelter Deutscher war ich manchmal etwas verwundert über das Verhalten meiner Teamkollegen, die für 90 Minuten ihre irische Freundlichkeit vergaßen und den Gegner das auch spüren ließen. Mir wurde aber auch gesagt, dass die Leute aus dem Verein stadtbekannt sind: “Sei vorsichtig, das sind ganz verrückte Leute”, sagte mir einmal ein älterer Verkäufer eines irischen Spätis, der aber auch erzählte wie viel Spaß man mit ihnen haben könnte. Überhaupt ist die ganze Fußball-Kultur etwas anders. Immerhin ist “Soccer” ja auch nur die dritt beliebteste Sportart hinter Gaelic Football (Mischung aus Football, Fußball und Handball), Rugby und Hurling (so etwas wie Feldhockey). Während in Deutschland Essen und Trinken für ein geselliges Miteinander angeboten werden, sparen sich das die Iren für abendliche Pub-Besuche auf.

Geht unbedingt nach Galway!

Die Zeit in Galway war überaus aufregend und ging schnell herum. Das Studium an der NUIG ist absolut zu empfehlen. Manchmal denke ich, dass ich doch gerade erst erwartungsvoll in den Flieger gestiegen bin und jetzt ist die Zeit schon um. Für so einen langen Zeitraum war ich bisher noch nie im Ausland. Am Ende ist aber alles sehr gut abgelaufen und ich zähle diese dreieinhalb Monate zu den wichtigsten Erfahrungen, die ich bisher gemacht habe. Ich habe neue Leute kennengelernt, Freunde gefunden und akademisch einiges dazugelernt. Wiederholen möchte ich an dieser Stelle noch einmal die Notwendigkeit, sich früh um eine passende Unterkunft zu kümmern. Auch wenn es nur drei Tage waren, im Hostel war es wirklich nicht angenehm. Ist das erst einmal geschafft, ist der Rest ein Kinderspiel. Die Unis in Kassel und Galway leisten wirklich gute Arbeit und machen es einem wirklich sehr einfach, sich zurechtzufinden und die Menschen vor Ort sowieso. Das Lehrveranstaltungsangebot war sehr gut, zum Teil auch vielfältiger als das in Kassel. Man brauch sich absolut keine Gedanken zu machen, an einer ausländischen Universität den Anforderungen nicht gewachsen zu sein. Wie zuvor erwähnt, sind die Klausuren und Essays wirklich machbar und werden sehr fair bewertet.

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