Warum uns der Philosophen-Troll Diogenes so sympathisch ist

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Diogenes von Sinope war ein altgriechischer Philosoph, der angeblich in einem Weinfass lebte (einige Berichte beschreiben es als Wanne), bei einem Bankett auf Gäste urinierte, im Theater einen Haufen hinterließ, sich von Zwiebeln ernährte und einer der wenigen Menschen war, die Alexander den Großen offen verspotteten und am Leben blieben: „Geh‘ mir aus der Sonne“ soll er ihm gesagt haben. Diese Gelassenheit und Gleichgültigkeit gegenüber gesellschaftlichen Normen machen Diogenes noch heute zu einer Ikone.

Obwohl einige ihn für verrückt hielten, war Diogenes auch einer der angesehensten Philosophen des 4. Jahrhunderts v. Chr. und einer der berühmtesten Begründer der antiken griechischen Philosophieschule, die als Zynismus bekannt ist.

Über das Leben des umstrittenen Philosophen wird viel spekuliert, da er keine Berichte aus erster Hand über sein eigenes Leben hinterlassen hat. Und seine außerordentliche Persönlichkeit hat wahrscheinlich viele Legenden und Erzählungen hervorgebracht.

Früh im Clinch mit dem Gesetz

Diogenes wurde in Sinope geboren, einer Stadt in der heutigen Türkei. Sein Vater arbeitete früher mit Münzgeld, und Diogenes schloss sich später seinem Vater an und begann, mit ihm zusammenzuarbeiten. Später gerieten sie jedoch in eine Auseinandersetzung mit dem Gesetz. Diogenes floh daraufhin aus Sinope und machte sich auf den Weg nach Athen.

In Athen nahm Diogenes eine etwas unkonventionelle Lebensweise an und machte es sich zur Aufgabe, die Prägung von Brauch und Konvention, die seiner Meinung nach nur Lügen seien, um die wahre Natur des Individuums zu verbergen, metaphorisch zu verunstalten.

Eine besitzlose Philosophie

Diogenes soll Antisthenes in Athen getroffen haben, der ihn als Student zunächst ablehnte, aber schließlich durch seine Beharrlichkeit akzeptierte. Wie Antisthenes glaubte auch Diogenes an Selbstbeherrschung, an die Bedeutung der persönlichen Vortrefflichkeit im eigenen Verhalten (im Griechischen „arete“, üblicherweise mit „Tugend“ übersetzt) und an die Ablehnung all dessen, was im Leben als unnötig angesehen wurde, wie persönlicher Besitz und sozialer Status.

Diogenes begann im Tempel der Kybele in einem Fass zu leben. Er entledigte sich seiner Habseligkeiten und ernährte sich nur noch von Zwiebeln. Eines Tages sah er, wie ein Kind seine Hände zu Hilfe nahm, um Wasser zu trinken, danach warf er seinen eigenen Becher weg und sagte: „Ein Kind hat mich in der Einfachheit des Lebens geschlagen.“

Asket und Rüpel

Die Philosophie von Diogenes war mehr als nur eine asketische Bewegung, er verzichtete nicht nur auf Besitztümer; er predigte gleichzeitig Obszönität, brach Tabus, griff Bräuche bösartig an und war unerbittlich unhöflich. Für ihn war Ehrlichkeit ein Schlüsselwert, und er betrachtete die Sitten und Gebräuche in Athen als eine Form der Lüge.

Und das ist wahrscheinlich einer der Gründe, warum Diogenes noch heute so beliebt ist. Hin und wieder werden wir müde von gesellschaftlichen Normen und Tabus. Einfach das machen, worauf man selbst Lust hat; kein Zwang in nichts. Stellt Euch einfach mal vor, wie es wäre, im Kino auf die anderen Kinogäste zu urinieren. Es ist unvorstellbar für uns und das war es sicherlich auch für die anderen Menschen in Athen. Um in der Lage zu sein, derartig zu handeln, musste Diogenes sich emotional weit von allem Weltlichen distanzieren, denn ihm war tatsächlich nichts zu peinlich.

Diogenes glaubte, dass jede Handlung, die im Privaten als natürlich und akzeptabel angesehen wurde (wie Urinieren und Stuhlgang), auch in der Öffentlichkeit als natürlich und normal angesehen werden sollte. Er aß bekanntlich auf dem Marktplatz, was in jener Zeit als ein solches gesellschaftliches Tabu galt. Auf die Frage nach dieser Handlung antwortete er: „Das habe ich getan, weil auf dem Marktplatz hatte ich Hunger.“

Man könnte Diogenes in den Begriffen unserer Zeit als einen riesigen Troll, einen Philosophen, der mit Witz und Spott die Tradition infrage stellte, und als prominente Persönlichkeiten seiner Zeit bezeichnen. Jemand, der in Manier eines richtigen Philosophen nicht mit seinem Jahrhundert lebte, sondern ein Freidenker war.

Bei einer anderen Gelegenheit begann eine Gruppe wohlhabender Athener bei einem Bankett damit, Diogenes mit Knochen zu bewerfen, ihn zu beleidigen und ihn einen Hund zu nennen. Diogenes reagierte darauf, indem er sein Bein hob und auf die Bankettteilnehmer urinierte.

Diogenes der Hund

Diogenes wurde oft mit Hunden in Verbindung gebracht. Er glaubte, dass der Mensch viel aus dem Studium der Einfachheit von Hunden lernen könne, die im Gegensatz zu den Menschen „nicht jede einfache Gabe der Götter verkompliziert“ haben. Diogenes‘ geistreiche Verspottung richteten sich nicht nur gegen Philosophenkollegen und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens.

Das Wort von Diogenes‘ Weisheit und seinen eigentümlichen Wegen erreichte den damals größten militärischen Führer, Alexander der Große. Als Kind wurde Alexander von Aristoteles unterrichtet und Diogenes faszinierte den jungen Feldherrn. „Ich bin Alexander der Große“, stellte sich die schillernde Figur vor. „Und ich bin Diogenes der Hund“, antwortete der Philosoph aus der Tonne. Bei ihrer ersten Begegnung soll er ihm befohlen haben, ihm aus der Sonne zu gehen. Das konnte damals nur einer wie Diogenes wagen.

Philosophen und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens kamen immer wieder, um ihren König zu sehen und ihm Lob, Geschenke und Komplimente zu überreichen. Doch Diogenes zog es vor, in seinem Fass zu bleiben, weit weg von dem starren und vorgekauten Leben.

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