Warum trugen Mönche eine Tonsur?

Habt Ihr Euch jemals ein mittelalterliches Gemälde eines katholischen Mönchs angesehen und Euch gefragt, warum und wer sich diesen seltsamen Haarschnitt ausgedacht hat?

Habt Ihr Euch jemals ein mittelalterliches Gemälde eines katholischen Mönchs angesehen und Euch gefragt, warum und wer sich diesen seltsamen Haarschnitt ausgedacht hat? Viele Religionen und ihre Gläubigen folgen strengen Regeln, um Gott näherzukommen oder Erleuchtung zu erlangen.

Eine der gebräuchlicheren Maßnahmen ist der Haarschnitt: Im Buddhismus rasieren Mönche ihre Köpfe vollständig und sauber, um das Durchtrennen der Verbindungen zur säkularen Welt zu symbolisieren. Im Mittelalter galt dasselbe für katholische Mönche, außer dass es sich um einen einzigartigen Schnitt handelte, bei dem nur die Oberseite der Kopfhaut rasiert und die Ränder unangetastet blieben.

Haare abschneiden als Zeichen gegen Korruption

Der Haarschnitt wurde Tonsure oder Tonsura auf Lateinisch genannt. Das Wort Tonsur bedeutet “Abschneiden”. Der bizarre Haarschnitt begann um 1073, als Papst Gregor VII. inthronisiert wurde. Während dieser Zeit war die Kultur in der Kirche sehr nachsichtig, was Haarschnitt, Kleiderordnung unter Mönchen, Priestern und Nonnen betraf.

In der Zeit von Gregor VII. war auch die Korruption in der Kirche sehr weit verbreitet. Eine der wichtigsten Änderungen im Kampf dagegen war der standardisierte Haarschnitt für Mönche.

Trug selbst die Tonsur: Papst Gregor VII.

Paulus als Vorbild

Um die Hingabe ihres Lebens an Gott zu symbolisieren, sollten die Mönche das Haar des heiligen Paulus nachahmen. Von Paulus wurde gesagt, er sei ein Mann mit Glatze, was bedeutete, dass jeder Mönch seinen Kopf sauber rasieren musste. Es lag für Gregor VII. nahe, dass die Nachahmung der Haare des Heiligen Paulus die Kirche näher zu Gott bringen würde.

Eines der Probleme dabei war, dass die Bibel das Abschneiden der Haare am Kopf- oder Bartrand zu verbieten schien. Levitikus 19:28 aus dem Alten Testament sagt:

“Du sollst nicht die Haare an den Seiten des Kopfes abschneiden oder die Ränder des Bartes abschneiden.”

Dies stellte viele Mönche vor ein Dilemma, die den heiligen Paulus nachahmen wollten, aber Angst hatten, sich gegen die Bibel zu stellen. Eine Lösung für dieses Dilemma war ein Haarschnitt, der sowohl die Bibel als auch den Papst zufrieden stellte. Die Mönche rasierten sich den Scheitel, um dem heiligen Paulus Tribut zu zollen, und behielten die Haarspitzen bei, um auch die Bibel zu respektieren. Der neue bizarre Haarschnitt wurde Tonsur genannt und wurde im Mittelalter von fast allen katholischen Mönchen in Europa getragen. Prominenteste Beispiele sind wohl der Reformator Martin Luther und der Scholastiker und Kirchenlehrer Thomas von Aquin.

Wieso ist die Tonsur verschwunden?

Die Tonsur begann mit der Zeit aus der Kirche zu verschwinden, da der Katholizismus im Laufe der Zeit Veränderungen durchmachte. Herausforderungen wie die Kreuzzugskriege, Martin Luthers Reformation, der dreißigjährige Krieg und die industrielle Revolution brachten kulturelle Veränderungen innerhalb der Kirche mit sich. Jahrhunderte nach der Einführung der obligatorischen Tonsur durch Gregor VII. gaben viele Mönche den Haarschnitt auf. 1972 erklärte Papst Paul VI. das Ende des 900 Jahre alten Haarschnitts.

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