Warum Social Distancing für uns so schwierig ist

Als Menschen sind wir im Laufe unserer Evolutionsgeschichte als die “Krönung der Schöpfung” hervorgetreten –  begleitet von einer Vielzahl von Überlebensanpassungen. Wir wurden mit den Instinkten und Werkzeugen ausgestattet, die wir brauchen, um selbst die schrecklichsten Umstände zu überwinden.

Wir sind aber nicht einzigartig in unserer Fähigkeit zu überleben. Schließlich teilen andere Tiere gleichermaßen unsere Hartnäckigkeit im Festhalten an diesem kostbaren Geschenk des Lebens. Doch was uns vom Rest des Tierreichs unterscheidet, ist unsere Fähigkeit, unsere Stärken und Schwächen zu analysieren und auf Reize und unsere Umwelt zu reagieren.

Wir haben sozusagen die Oberhand bei der Selbstbeobachtung, und genau deshalb ist es so wichtig, die psychologischen Motivatoren zu verstehen, die inmitten unserer Reaktion auf die globale Pandemie im Spiel sind.

Über die Medien

Im Laufe der letzten sechs bis acht Monate haben die Medien ein Bild der Menschlichkeit gezeichnet, das wahrscheinlich selbst die größten Optimisten in einen vollwertigen Ruhestand versetzen würde. Zwischen den Videos, die wir von der Nudel- und Mehlknappheit im Lebensmittelgeschäft gesehen haben, und Horden von Menschen, die für den Rest des Jahres genügend Toilettenpapier auf Lager haben wollen, wurden viele in der Folge von den Medien als irrationale, ignorante, eigennützige Idioten abgestempelt. Ich lehne die Vorstellung ab, dass wir während des Ausbruchs der Covid-19-Pandemie in irgendeiner Weise egoistisch gehandelt haben, voll und ganz ab, und ich tue dies, weil wir in diesen Dingen auf derselben Seite stehen müssen.

Ganz schlimm fand ich, als eine junge Frau kürzlich im Internet einen Shitstorm erntete, weil sie sich in einem ZDF-Interview über die aktuelle Lage beschwerte und daraufhin als Party-Junkie abgestempelt wurde.

“Ich war jetzt seit März nicht mehr feiern und davor war ich dreimal die Woche irgendwo. Das ist schon traurig, ich brauche das nämlich eigentlich, ich bin darauf angewiesen. Und darauf zu verzichten, geht mir schon echt ab. Deswegen wird die zweite Welle auch so schwierig sein und deswegen werden auch wieder mehr Partys gefeiert, weil so viele das mittlerweile krass vermissen.”

Das sagte sie vor einem Millionenpublikum. Daraufhin griffen Sie im Internet Tausende an und machten sich über sie lustig. Dabei ist es ein ganz normales Gefühl, die Nähe zu Menschen zu vermissen. Aber dazu komme ich gleich noch.

Zur menschlichen Natur

Wenn wir die evolutionären Mechanismen im Kontext der Corona-Krise betrachten, ist es wichtig, dass wir die menschliche Natur so gründlich wie möglich verstehen.

Zuallererst wird unsere Reaktion auf jede Situation, die mit einem gewissen Grad an Unsicherheit und Furcht einhergeht, vorsorglich sein. Seien wir realistisch. Es ist keine unnatürliche Reaktion, sich mit Lebensmitteln und Hygieneartikeln einzudecken. Das Anlegen von Vorräten und die Sicherstellung, dass wir auf absehbare Zeit genug zu essen für unsere Familien haben, ist fest in unseren Überlebenshirnen verankert.

Wir sind nicht ignorant oder dumm, wenn wir uns selbst schützen wollen. Es ist nur das, was wir als vernünftige Tiere tun. Das macht es nicht unbedingt richtig und rücksichtsvoll gegenüber unseren Nachbarn und Miteinkäufern im Lebensmittelgeschäft, aber es macht uns als Volk auch nicht unverantwortlich.

Gibt es bessere Möglichkeiten, auf diesen Überlebensinstinkt zu reagieren? Sicherlich. Sollten wir darauf hinarbeiten, ein System zu schaffen, in dem sichergestellt ist, dass alle Menschen Zugang zu den Ressourcen haben, die sie brauchen, ob während einer globalen Pandemie? Auf jeden Fall.

Aber sollten wir uns selbst und einander unangemessenerweise die Schuld dafür geben, wie wir reagiert haben, als uns gesagt wurde, wir müssten uns für eine unbestimmte Zeit einschließen? Nein, das sollten wir nicht.

Wir sind Rudeltiere

Zweitens waren wir Menschen schon immer soziale Geschöpfe und werden es auch weiterhin sein. In einem Zustand der Panik kann das Bedürfnis nach sozialer Interaktion oft viele unserer anderen Grundbedürfnisse wie Nahrung und Obdach überwiegen. Im Angesicht einer Bedrohung ist es unsere erste evolutionäre Verteidigungslinie, physische Nähe und Zugehörigkeit zu anderen Menschen in unserer Gemeinschaft zu suchen.

Der physische Kontakt und die Nähe zu anderen Menschen bleibt nicht nur ein Mittel, um Ängste abzubauen und die wahrgenommene Sicherheit zu erhöhen. Die Suche nach Kontakt zu anderen Menschen ist nicht etwas, das wir als Bonusfunktion betreiben, sondern als Grundvoraussetzung für unsere Fähigkeit, normal zu funktionieren. Ist das nicht gegeben, zieht das eine Fülle negativer psychologischer Reaktionen nach sich (Depressionen, Panikstörungen usw.).

Das soll nicht heißen, dass Unwissenheit und ein schlechtes Urteilsvermögen keine große Rolle bei der Art und Weise gespielt hätten, wie wir mit der Situation umgegangen sind. In vielerlei Hinsicht haben wir in der Tat zugelassen, dass sich unsere Angst vor dem Unbekannten in eine Massenhysterie verwandelt hat, in der politische Polarisierung und ein allgemeines Misstrauen gegenüber der Wissenschaft außer Kontrolle geraten sind.

Dieser Meinungsbeitrag soll veranschaulichen, dass wir die positiven Aspekte der sozialen Zusammenarbeit nutzen können, um unseren Weg nach vorn zu ebnen. Wir sollten jetzt mehr als je zuvor auf die Auswirkungen unseres instinktiven Egoismus achten und uns zusammenreißen. Tragen Sie eine Maske, waschen Sie sich die Hände, rufen Sie Ihre Freunde an. Hören Sie auf die Wissenschaft, konzentrieren Sie sich darauf, aber sprechen sie den “ignoranten” Menschen in diesem so feindseligen politischen Klima nicht die Zurechnungsfähigkeit ab.

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