Warum ich an die Hufeisentheorie glaube

Die Verflachung des ideologischen Spektrums zu einer Linie geht davon aus, dass zwischen den beiden Enden keine Ähnlichkeiten bestehen.

Die Verflachung des ideologischen Spektrums zu einer Linie geht davon aus, dass zwischen den beiden Enden keine Ähnlichkeiten bestehen. Das bessere System ist meiner Meinung nach die Hufeisentheorie, die man auch in den vergangenen Monaten oft im Social-Media-Diskurs zu Gesicht bekommen hat. Jean-Pierre Faye hat sie in seinem 2002 erschienenen Buch Le Siècle des idéologies vorgeschlagen. Die Hufeisentheorie besagt, dass die extreme Linke und die extreme Rechte sich einander sehr ähnlich sind. Also analog zu der Art und Weise, wie die entgegengesetzten Enden eines Hufeisens nahe beieinander liegen. Ich versuche diese, anhand des Kommunismus und Kapitalismus darzustellen. Oftmals wird die Theorie auch verwendet, um die Ähnlichkeit von Kommunismus und Faschismus zu unterstreichen.

Radikaler Kommunismus und radikaler Kapitalismus – nur zwei Seiten derselben Medaille?

Kritiker der Hufeisentheorie heben die großen ideologischen Unterschiede zwischen den glühenden Kommunisten und Kapitalisten hervor. Auch meiner Ansicht nach ist die Hufeisentheorie immer noch zu stark vereinfacht, die Idee dahinter jedoch nicht. Sowohl der Kommunismus als auch der Kapitalismus in ihren extremen Formen existieren mit relativ wenig wirtschaftlichem Wettbewerb. Im Kommunismus besitzt der Staat das Eigentum und die Produktionsmittel, währenddessen im Kapitalismus Eigentum und Produktionsmittel privatisiert sind. Beide Systeme werden jedoch, wenn man sie sich selbst überlässt, den wirtschaftlichen Wettbewerb beseitigen und zu einem einheitlichen Autoritarismus führen. Mit dem Kommunismus wird der Staat absichtlich zur De-facto-Macht, im Kapitalismus entsteht eine Plutokratie. Ich behaupte nicht, dass die beiden Extreme des Kommunismus und des Kapitalismus ähnliche Ideologien teilen. Stattdessen sage ich, dass bei beiden der Zweck und die Mittel umso ähnlicher werden, je extremer sie werden.

Autoritarismus im Kommunismus

Die Abschaffung des Privateigentums ist in der Praxis nicht so leicht zu verwirklichen. Alle früheren Versäumnisse bei der Umsetzung der Ideen von Marx folgen einem ähnlichen Ablauf: Zuerst stürzt das Proletariat die Regierung durch gewaltsame Revolution, dann ergreift der neue proletarische Staat die Kontrolle über das gesamte Privateigentum. Die Umverteilung des Reichtums macht die Dinge jedoch komplizierter. Es liegt in der Natur der Umverteilung, dass jemand im Staat willkürlich Entscheidungen trifft, als handele es sich um Privateigentum. Es ist unvermeidlich, dass jemand an der Spitze irgendeine Form der Autorität aufrechterhalten muss, um sicherzustellen, dass Entscheidungen effizient und konsequent getroffen werden. Es ist niemals Kommunismus in der idealen Form, wie er von Marx als eine Regierung des Proletariats erdacht wurde. Stattdessen wird er unweigerlich zu einer Regierung mit einheitlicher Autorität, die gleichermaßen über das Proletariat regiert, aber niemals von diesem regiert wird. Dissidenten werden zum Schweigen gebracht, und Reformversuche werden sofort unterbunden.

Autoritarismus im Kapitalismus

Der Kapitalismus findet sich in Demokratien, Republiken und autoritäre Regime gleichermaßen wieder. Er hat das Potenzial, sich in einen einheitlichen Autoritarismus zu verwandeln. So wohnt dem ungezügelten Kapitalismus eine Gleichgültigkeit gegenüber ökologischen Konsequenzen inne. Profit ist der wesentliche Motivator in einem kapitalistischen Unternehmen. Wenn Unternehmen wachsen, ermöglicht ihnen die Sammlung von Gewinn die Mittel, den Markt zu ihrem Vorteil zu manipulieren. Ein Unternehmen kann nicht nur den Preis von Waren, sondern auch den Preis von Rohstoffen diktieren, wodurch Wettbewerb unmöglich wird. Andere Unternehmen können entweder vergeblich versuchen, sich im Wettbewerb zu behaupten, oder von dem größeren Unternehmen verschlungen werden.

An einem bestimmten Punkt ist der Kapitalismus auf Monopole ausgerichtet. An diesem Punkt beginnt der Kapitalismus im Extremfall wie der Kommunismus auszusehen. Wenn ein Unternehmen zu einem Monopol wird, bleiben seinen Kunden keine anderen Optionen mehr. Ihre Entscheidungen werden ihnen gewissermaßen diktiert und weitgehend von denjenigen kontrolliert, die die Kontrolle über die Produktionsmittel haben.

Fazit: Die beiden Seiten stehen sich also näher als es das eindimensionale politische Spektrum in Form einer Linie aussehen lässt, weshalb ich eher zur Hufeisentheorie tendiere.

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