Die Scherben der “Christallinen Nacht”

Herr S. läuft durch das Dorf in Begleitung von zwei schönen und gut erzogenen Hunden seiner Tochter. Ich geselle mich gern zu der Gruppe, weil meine kleine Hündin spielt gern mit gutmütigen Kameraden.

Gefällt ihnen hier im Beiseförth?

Natürlich! Es ist ein wunderschönes Dorf. Und die Menschen sind hier sehr freundlich. 

Als Ausländerin bekomme ich oft solche Fragen und beantworte sie immer mit fast gleichen Worten. Der alte Mann sieht unzufrieden aus.

Freundlichen Menschen? Sie können auch ganz anders sein. Entschuldigung, neben diesem Haus geht es mir immer schlecht. Vor dem Kriegszeit lebte hier eine große jüdische Familie und mein Klassenkamerad Bruno. Wir waren sogar Freunde, oft zusammen gespielt. Und Brunos Oma hat uns selbstgebackene Plätzchen mit Milch immer angeboten.

Aber im November 1938 “freundliche” Deutsche zogen durch das schöne Dorf mit Fackeln, deutsche Fahnen  und Porträts von Hitler, laut geschrien, gesungen und jüdische Hauser mit Steinen und Schmutz beworfen. Ich war  damals als achtjähriger auch dabei, begeistert und stolz, dass ich auch einen Fackel tragen durfte.  Und gerade hier wo wir jetzt stehen einer der deutschen “Patrioten” hat mir Stein in der Hand gedrückt. Ich sollte diesen Stein ins Brunos Fenster werfen. Meine Begeisterung flog sofort weg.

Das Gesicht des alten Mannes sah unendlich traurig aus.

Aber Sie haben den Stein geworfen!

Zweimal geworfen …  Dafür hasse ich mich mein ganzes Leben lang. Die Fensterscheibe wollte ich nicht treffen. Der erste Stein landete vor der Hauswand und da habe ich erleichtert aufgeatmet. Mein Schummel war aber auffallend. Und sofort habe ich einen anderen, noch größeren Stein bekommen: Hier wohnen unsere Feinde! Zeig endlich deinen Nationalstolz! 

Das war kein Stolz, sondern die Schande, mit der ich immer noch leben muss ….. Nach dieser Nacht haben die Juden aus unserem Dorf schnell geflüchtet.  Hauser wurden für kleines Geld verkauft oder einfach verlassen.

Sie sollen sich nicht so sehr quälen, Sie waren damals Kind, das erstens. Und zweitens, Sie haben sich ehrlich und tief bereut.

Das ist noch nicht alles, was ich zu bereuen habe. Ich habe… Ich habe in die Menschen geschossen, in die armen, verhungerten, wehrlosen Menschen ….

Nein, das kann ich nicht glauben!

Das Reden fiel ihm schwer. Er machte längere Pausen, in Augen blinzelten Tränen.

Der Krieg war fast zu Ende. Ich war noch keine fünfzehn Jahre alt, wenn Hitlerjugend aus allen deutschen Gebieten zum letzten Schlacht nach Berlin gebracht worden. Unser Militärausbilder hat seine junge Soldaten auf die Mutprobe gestellt –  Gefangene zu erschießen. Mit Gewehr konnten wir schon umgehen.

Man muss ein Ziel auswählen, auf dem Kopf oder Herz zielen und nach dem Kommando schießen. 

Das waren knapp zehn Menschen: Abgemagerte, frierende … Menschen, die vor zwei Stunden ihren eigenen Grab in der Erde ausgehöhlt hatten. Sie standen nun am Rande ihres Grabes. Ich habe verzweifelt meinen Opfer gesucht. In dieser Reihe stand auch ein Mädchen. Sie war …. Sie war 12 oder 13 Jahre alt…. So alt wie meine kleine Schwester, die jetzt in Beiseförth bei unserer Mutter blieb. Was hat dieses Mädchen verbrochen? Warum sollen wir sie umbringen? Nur weil sie Jüdin oder Zigeunerin ist? Nur deswegen sollte ich sie töten?

Das Mädchen weinte. Ich konnte sie kaum sehen. Wegen meiner eigenen Tränen …..

Feuer! Der Ausbilder hat uns keine Zeit zum Nachdenken gegeben. Ich hob das Fass meiner Waffe möglichst hoch, denen Abzug gezogen und ohnmächtig auf die Erde gefallen. Mein Krieg war zu Ende.

Herr S. wischte Tränen von seinem Gesicht und ich von meinem. Unsere Hunde betrachteten uns verständnislos: es ist doch alles schön hier… Sie können nicht wissen, dass dieses jüdisches Mädchen mit verweinten Augen kommt immer wieder auch nach vielen Jahren in die unruhige Nächte des Mannes.

Sie kommt in meine Alptraume, sagt aber gar nichts. Ich weiß, sie hätte mich gern gefragt, warum ich sie umbringen sollte. Aber ich finde keine Antwort, warum wir so viele Menschen umgebracht haben. Und Sie sagen  “freundliche Menschen”…..

Herr S. ging in sein Haus ohne sich zu verabschieden. Zwei schöne Hunde traben traurig hinterher.

 

Nach zehn Jahre fand die Geschichte Fortsetzung. Ich habe in einer Realschule den Fach Evangelische Religion unterrichtet. Mit der 10 Klasse kamen wir langsam zum Thema “Widerstand in der Zeit des Nationalismus”. Das Lehrbuch bietet dazu nicht viel Beispiele: studentische Bewegung “Weiße Rose” und den Attentat auf Hitler von der deutschen Offizier Graf von Stauffenberg.

In meiner Lerngruppe von 15 Schüler/innen gab es zwei Jugendlichen, die sich nach “rechts” schielten. Der kleiner Kämpfer S. aus Beiseföhrt soll seine traurige Geschichte endlich zunutze machen.

Das hat Herr S. auch gemacht. Seine schmerzliche Erinnerungen hat er auf Tonbandgerät aufgesprochen.

Die Jugendliche haben mit sichtbarem Interesse die kurze Erzählung zugehört. Ohne übliche Gemurmel und Gekicher, die sonst bei jedem Unterricht unentbehrlich waren.

Der alte Mann hat langsam geredet, das Reden fiel ihm schwer. Manchmal musste er seine  unsichtbare Tränen unterdrücken.

In der Klassenraum herrschte ungewohnte Stille. Ich habe verdächtig glänzende Mädchenaugen entdeckt und verstohlen meine beiden Sorgenkinder beobachtet. Die 16-jährigen haben mit düsteren Gesichtsausdrücken die Platten ihren Schultisches gemustert.

Lieber Gott! Helfe uns die braune Pest zu überwinden!

 

Vor einigen Jahre ist Herr S. verstorben. Schlaf in Frieden kleiner Kämpfer, ehrlicher Mensch! Ich hoffe… Nein, ich bin sicher: dort im Himmel hast Du kleines jüdisches Mädchen aus deinen Alpträumen, vielleicht auch Bruno getroffen und die Verzeihung bekommen.

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